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Artikel VLR-Info
 

Qualität fängt beim Praktikum an

 

Radio Siegen ist Nummer 1 der NRW-Lokalradios bei „Hörer gestern“ und setzt auf gute Ausbildung im eigenen Haus

 

Wir diskutieren über digitale Radios, Werbekampagnen und -aktionen, Mehrwertgewinnspiele und interaktives Radio („2.0“), wir erwarten glaubwürdige Moderatoren, die seriös sind und sich an alle Formatregeln halten und doch in der „Personality“-Abfrage ganz oben auftauchen, wir wollen kluge, erfahrene Menschen am Mikrofon, die 100 % von hier und 100 % in der Zielgruppe verankert sind. Wir wünschen uns diese Idealtypen heimlich vor unsere Tür, denn sie sagen „Ich liebe Radio und nein, mir geht es nicht ums Geld“.

Wir reden am Thema vorbei.

Denn das Thema heißt: Fachkräftemangel. Und der ist hausgemacht.

Stationen beschäftigen Praktikant(inn)en, die nicht übernommen werden. Sender bauen auf freie Mitarbeiter, die auch nach einem Volontariat bleiben sollen, ohne eine Redakteursstelle angeboten zu bekommen. Chefredakteure suchen nach Morgenmoderatoren und kaufen freie Persönlichkeiten ein, die ihr Moderatorenherz an manchmal fünf Sender gleichzeitig verkaufen. Geht das gut ? Ja, eine Zeit lang.

Und dann kommt die freie Volontariatsstelle: Ausschreibung, 40 Bewerber, alle nicht auf NRW-Lokalfunk-Niveau, bleibt Kandidat(in) X, der/die sich allerdings schon zwei Jahre lang bei allen Nachbarstationen beworben hat.

Wie lässt sich das Dilemma lösen ? Dazu wäre ein Ganztages-Workshop nötig, bei dem es also nicht um „crossmedia“ und „webstreams“ geht, sondern (egal ob in Düsseldorf, Nürnberg, Hamburg oder anderswo) um Ausbildung.

Radio Siegen übernimmt fast alle Praktikant(inn)en, wählt aus einer Schar von freien Mitarbeiter(inne)n seine Volontäre aus, beschäftigt keine „Söldner“, die gut sind – ohne Frage -, aber in Doppelschichten für mehrere Stationen gleichzeitig arbeiten. In Siegen startet die Förderung am ersten Praktikumstag: Theorie im schriftlichen „Leitfaden“, Praxis mit einer persönlichen Einführung, immer mit dem Ziel, den am Radio interessierten Menschen zu einer freien Mitarbeit zu befähigen. Dazu gibt es mehrfach im Monat interne Seminarangebote und das strikte „Qualitätsmanagement“, das Fortbildungseinrichtungen richtigerweise propagieren. Und vielleicht ist es die Zahl der offenen Angebote, die jemanden zum Einstieg bei anderen Lokalstationen, radio NRW, öffentlich-rechtlichen Radio- oder Fernsehstationen verhelfen. Neue Talente wachsen schließlich nach, meist angezogen vom guten Ruf der schon vorher geförderten und aufgestiegenen Kolleg(inn)en. Die Arbeit mit frischen und hoffnungsfrohen neuen Leuten macht dabei immer wieder großen Spaß.

Fazit: Liebe nicht nur Deine Hörer und (für die Betriebsgesellschaften:) liebe nicht nur die verkauften Werbesekunden, sondern liebe Deinen Nachwuchs. Wie bei Kindern ist das Schöne, sie wachsen und lernen zu sehen, bis sie als Erwachsene (hoffentlich) ihre eigenen Wege gehen.

 

© Christian Pflug  25.07.2008 (zu der Zeit Chefredakteur Radio Siegen)